Wann ist wieder Kirmes? ODER: Typisches Verhalten am Wochenende

Dieses Thema im Forum "Philosophie Forum" wurde erstellt von Stefan a.k.a. woody, 08.12.2003.

  1. #1 Stefan a.k.a. woody, 08.12.2003
    Stefan a.k.a. woody

    Stefan a.k.a. woody Guest

    Betreff: Wann is endlich wieder Kirmes !!! ???

    Einmal im Jahr is in jedem Dorf der Ausnahmezustand. Diese Orgie heißt
    dann Kirmes, Kerb,Feuerwehr-, Schützen-, oder Sängerfest oder meinetwegen
    Hühnerwämserball, is vollkommen egal, weil is alles dasselbe.
    Dann wird nen Zelt aufgebaut irgendwo und mindestens drei Tage
    getestet, wieviel Ballerbrühe die alte Karkasse noch aufsaugen kann.
    Fängt meist schon Tage vorher an; aufbauen, schmücken, mit Kränzeflechten,
    Birkenbraken anne Verkehrsschilder nageln oder weiß der Henker: Haupsache
    mitn Trecker rumnageln und Kiste Bier dabei. Während die Männer in der
    Wildnis das gefährliche Tannengrün erlegen,sitzen die Weibchen im Kreis und
    basteln daraus meterlange Kränze oder
    dekorieren de Zelt. So wird die traditionelle Rollenteilung gefestigt und
    keiner kommt auf dumme Gedanken. Die Sitte des Kränzens is uralt.

    Früher bein Schützenfest kamen immer mehrere Leute zu Tode:
    Kaputtgesoffen, anner Theke totgetrampelt oder anner achten Bratwurst
    erstickt. Ja und
    weil das ganze Dorf nachn Zeltfest zu tattrig war, um nen Kranz für die
    Beerdigungen zu flechten wurden die vorher auf Vorrat fertiggemacht.
    Mußte man Montag dann bloß noch auf Ende schneiden das Gestrüpp,
    Papierblume
    dran und ab nachn Friedhof. Heute gibs ja kaum noch Tote bei Zeltfesten,
    nich mal mehr Schlägereien... Die warn ja früher der Höhepunkt.

    Die Schlägerei ist die Form, in der der Mann vom Lande einem andern
    sagt, daß er ihn lieb hat. Und nach der Massenschlägerei in der Sektbar
    waren alle Männer Blutsbrüder - das waren noch Zeiten. Doch die soziale
    Kälte is
    auch aufm Dorf zu spüren:
    Keiner haut mehr dem anderen einfach so einen in die Fresse.

    Ein heimlicher Höhepunkt beim Zeltfest ist der spontane Geschlechtsverkehr
    an der Rückwand vom Festzelt. Wenn die Kerle zum Pissen irgendwo ins
    Gebüsch verschwinden, erinnern sie sich plötzlich, daß sie nich bloß ein
    Loch
    im Kopp haben, wo man Bier reinschütten kann, sondern daß es zwischen den
    Beinen auch wieder rauskann. Und mit dieser verkümmerten Restexistenz
    hatten sie früher doch auch immer viel Spaß. Und jetzt schlägt die
    erotische
    Phantasie gnadenlos zu: Sex ohne sich groß ausziehen zu müssen, is das
    allergrößte. Hose is eh noch auf vom Pissen, quasi die halbe Miete.

    Jetzt fehlt bloß noch die Gelegenheit. Doch da siehts dann finster aus:
    Die Anzahl der willigen Tanten, die teilentblößt an der Zeltwand lehnen,
    hält
    sich doch in Grenzen oder die Alten hat schon jeder jehabt, also blöd zum
    rumerzählen. Und so laufen Dutzende von halbbesoffenen Typen mit
    offener Buchse hinterm Zelt rum und verstehen die Welt nich mehr. Müßt Ihr
    mal
    drauf achten, so ab 23 Uhr etwa geht's los: Dann schleichen hier überall
    die
    Männer durchs Unterholz. Offiziell wollen sie natürlich nur zehn Liter
    Gerstenaufguß nach draußen bringen, in Wahrheit sind sie auf Suche
    nach erotischen Abenteuern.
    Es gibt auch Männer, die gehen zum Pinkeln in den Toilettenwagen,
    die haben die Hoffnung schon aufgegeben, daß da
    draußen in der Wildnis noch irgendwas zu löten wäre. Aber auch bei den
    andern
    sieht die Realität nich besser aus: Nach dem Strullen kommen sie total
    gefrustet
    wieder zurück ins Zelt. Früher entlud sich dann der Frust in einer
    homoerotischen Ersatzbefriedigung: Der Massenschlägerei. Haben wir
    schon gesehen: Gibs heute kaum noch.
    Was bleibt also:

    Das EINE: Körper stillegen durch Alkoholzufuhr. Das hört sich einfach
    an, isses aber nich, weil beim Zeltsaufen gibt es festgelegte Rituale, die
    man unbedingt beachtet muß:

    1. Ein Bier bestellen geht gar nich. Damit sagt man, daß man ne
    knickrige Sau is, keine Freunde hat oder Antialkoholiker, quasi das
    allerletzte.

    2. Also immer mindestens zehn Stück, einen Meter oder ein ganzes
    Tablett. Nie vorher abzählen, wieviel Leute um einen herumstehen und dann
    genau
    die Anzahl bestellen. Am besten irgendeine Zahl über die Theke grölen und
    ab dafür.

    3. Ganz falsch: Die Umstehenden fragen, ob sie überhaupt noch ein Bier
    haben wollen. Wichtige Regel:
    Gefragt wird nich. Saufen ist schließlich kein Spaß.

    4. Wenn der Stoff da is, nich blöd rumgucken und überlegen, wem man
    denn eins in die Hand drücken soll. Am besten die Gläser wild in der
    Umgebung verteilen, denn nur so zeigt man seine Großzügigkeit. Nur der
    kleinkarierte Pisser stellt sich da an.

    5. Wer zahlt wann welche Runde? In der Regel kommt jeder der Reihe
    nach dran. Ganz miese Wichser saufen die ersten neun Runden an der Theke
    mit und wenn sie an der Reihe wären, müssen sie plötzlich pissen. Der erste
    Besteller übernimmt Verantwortung, denn er bestimmt meist die Dauer
    des Projekts:
    Wenn er zwölf Bier bestellt, müssen alle solange warten, bis zwölf Runden
    durch sind.
    Wichtig ist, daß der Strom nie abreißt. Also wenn alle noch die Hälfte im
    Glas
    haben, sofort die nächste Runde ordern und das neue Glas in die Hand
    drücken. Was voll peinlich ist: Mit zwei Gläsern in der Hand an der
    Theke stehen, deshalb is Tempo angesagt beim reinschütten, is schließlich
    kein Kindergeburtstag.

    6. Richtig fiese Schweine bestellen zwischendurch noch ne Runde Korn
    oder die absolute Hölle: "Underberg", eine Art braunes Schlangengift, daß
    mit dem Eiter von toten Fröschen verfeinert wurde. Hier wird's ernst.
    Sollte sich sowas andeuten, kann man bloß noch die Flucht ergreifen. Merke:
    Biersaufen kann man überleben aufm Zeltfest mit etwas Planung und
    Glück; nach Underberg weigert sich sogar der Notarzt, diese Schweinerei
    wiederzubeleben.

    7. Konsequent durchgezogen, bist Du normalerweise aufm Zelt um halb
    Neun stramm wie die Kesselflicker. Geht natürlich nich, weil Du kannst ja
    noch nich Hause, wegen Verdacht auf Weichei und so. Was also dann?

    Pausen machen! Dafür sind in der Regel zwei Sachen vorgesehen:
    Bratwurstfressen und Tanzen.

    Erstens: Bratwurstfressen

    Vorteil: an der Bude gibs kein Underberg, da bist Du also ne
    zeitlang sicher vor der Alkoholvergiftung durch andere. Nu sind die
    Bratwurststände auf Zeltfesten immer so konzipiert, daß die Nachfrage
    immer größer ist als das Angebot. In der Bude arbeiten dann auch meistens
    junge,
    innovative, gutaussehende Fachkräfte, denen man beim
    Grillen ohne weiteres die Schuhe besohlen kann. Einzige Qualifikation:
    Sie können mit einem Sauerstoffanteil in der Luft von unter 1% überleben,
    deswegen
    wirken sie auch so scheintot. Nu sagt der Laie: Watn Scheiß, das könnte man
    doch viel besser organisieren: Zackzack kämen die Riemen übern Tresen.

    Aber falsch: Die mickrigen Bratwurstbuden mit den Untoten am Grill
    stehen da nich aus Versehen, sondern absichtlich. Hier kann man Asyl
    beantragen von
    der Sauferei und je länger man auf den verkohlten Prengel warten muß,
    desto größer die Überlebenschancen während den gesamten Feierlichkeiten.

    Zweitens: Tanzen

    Im Vergleich zu Bratwurstfressen natürlich die schlechtere Wahl, weil
    anstrengend und mit Frauen. Aber irgendwann geht halt kein Riemen mehr rein
    in den Pansen und Du mußt in den sauren Apfel beißen. Also zack, einen
    Rochen von den Bänken gerissen und irgendwie bescheuerte Bewegungen
    machen. Wenn Du Glück hast, spielt die Kapelle mehr als zwei Stücke und Du
    kannst Dir ein paar Bier ausse Rippen schwitzen. Hast Du Pech, kommt sofort
    nachm ersten Stück der Thekenmarsch oder "Ein Prosit der Gemütlichkeit",
    und
    Du stehst wieder da, von wo Du gerade geflohen bist.

    Weiterer Verlauf des Abends: Sektbar

    Eine richtig gruselige Bude, quasi die Abferkelbox im Festzelt. Hier isses
    so voll und eng, hier bleibst Du auch noch stehen, wenns eigentlich
    nich mehr geht. Es soll schon Kriegsverletzte gegeben haben, denen hat man
    in der Sektbar beide Beinprothesen geklaut und sie habens nich gemerkt.
    Doch
    der Preis, den Du für die Stehhilfe zahlst is hoch: Du mußt Sekt saufen
    aus so mickrigen Blumenvasen, die man von der Spermaprobe beim Urologen
    kennt.
    Ziemlich eklig alles. Wenns keine Sektbar gibt, gibst meist ne
    Cocktailbar:
    Cocktail heißt im Zelt aber nich Caipirinha oder Margerita sondern
    Fanta/Korn oder Korn mit Fanta. Also vorsichtig. Hier kanns ganz
    schnell zu ende gehen. Eine Alternative für den ganzen schnellen Weg ins
    Nirwana is noch der hessische Zaubertrank: Asbach/Cola. Vom
    Preis-Leistungs-Verhältnis her immer noch ne reelle Sache: So besäuft
    sich der kritische Verbraucher und hat es ruckzuck geschafft. Doch bevor Du
    nach Hause darfst, kommt noch ein ganz wichtiger Punkt, nämlich...

    Kotzen

    Klingt scheiße, is aber garnich so. Du wirst dankbar sein, wenn Dein
    Körper, Dir dieses Geschenk bereitet. Du hast Platz für neue Schoppen und
    Bratwürste und vielleicht sogar Glück, daß Du die letzten zwanzig Bier noch
    erwischt, bevor sie Dein Gehirn erreicht haben. Der Profi jedenfalls kotzt
    oft und gern - sagt man.

    So jetzt wären wir auch schon bald beim Nachhause gehen. Haha. Wenn Du
    aber den Zeitpunkt verpaßt hast, und Du kommst vom Pissen oder
    Bratwurstkotzen wieder ins Zelt und es sind bloß noch zwanzig Mann übrig.
    Ätsch: Arschkarte gezogen. Denn jetzt heißt es: Die Letzten!!!

    Ab jetzt geht es um so spannende Sachen wie Faßaussaufen - denk dran:
    Es is immer mehr drin, als Du denkst... Oder Absacker trinken, wenns ein
    Underberg ist,
    kannst Du Dir gleich den Umweg über den Notarzt sparen und den
    Bestatter anrufen. Vorsicht: Jeder paßt jetzt auf, daß keiner heimlich
    abhaut,
    denn die, die wirklich am nächsten Tag was wichtiges Vorhaben, sind
    schon lange nach Hause. Die Ersten sacken einfach so vor der Theke
    zusammen,

    damit sie jedenfalls nich noch mehr saufen müssen. Vorteil dieser Phase des
    Zeltfestes:
    Du mußt nich mehr extra mehr nach draußen latschen für Pissen und Kotzen:
    Geht jetzt alles vor Ort, juckt keine Sau mehr.
     
  2. #2 Stefan a.k.a. woody, 08.12.2003
    Stefan a.k.a. woody

    Stefan a.k.a. woody Guest

    Nun: Nach Hause

    Fällt aus. Mach Dir keine Illusionen: Alleine schaffst Du?s nich mehr,
    Taxis gibst nich aufm Land, und wenn, würden sie Dich nich mitnehmen. Deine
    Frau kommt nich, um Dich zu holen, die is froh, daß dieses Wrack nich inner
    Wohnung liegt und der Gestank in die Möbel zieht. Was bleibt is..

    Der Morgen danach

    Die ersten Sonnenstrahlen brechen durch die Ritzen in der
    Zeltfestplane.
    Du wirst wach von einem Zungenkuß, wie Du ihn noch nie in Deinem Leben
    gekriegt hast. Leidenschaftlich küßt Du zurück. Dann machst Du Deine
    verklebten
    Augen auf und blickst in das fröhliche Gesicht des zottigen Köters von dem
    Karusselfritzen - und Du freust Dich: Gleich küsst Du wieder ?nen
    Kumpel, die Homoerotik auf solchen Veranstaltungen wird, wie gesagt,
    extrem grossgeschrieben. Und mit einem eigenen Beitrag zum Thema
    Würfelhusten fängt der Tag wieder an. Dein Kopf fühlt sich an wie nach
    einem
    Steckschuß.

    Jetzt hilft nur noch: Stützbier rein bis die Maschine wieder halbwegs
    normal
    läuft und ab nach Hause...oder abbauen.

    Seid froh, dass die Kirmes - Saison vorbei ist, wir alle hier können
    stolz und fröhlich sein, denn wieder einmal haben wir es überlebt.

    Bis zum nächsten Jahr

    Munter bleiben.
     
  3. VerNis

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    Nice geschrieben , dennoch mag ich Discoabende mehr als irgendwelche normalen Dissen wie Kiss oder Titanic .
    Da kommen dann auch mal "Alte Bekannte" aus den Dörfern;) und dann noch Ordentliche Musik (naja die kommt im caly auch :D)


    Auf Discoabenden gibts auch net so viele Barbie puppen (Mädelz die beim abschminken 2 Kilo abnehmen ;) )
     
  4. #4 ScR4tCh, 11.12.2003
    ScR4tCh

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    Mein Lieber Herr Gesangsverein (Vorsicht: typische Dorfphrase *g*), das is genau der standart Ablauf, Jahr für Jahr, Wochenende für Wochenende. :baby: Schlimm !!!

    Aber echt mal sau gut geschrieben !!!
     
  5. l4rs

    l4rs Erfahrener Benutzer

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    discoabende sin reine bauerntreffen, voll fürn arsch !
    da kann man nix machen ausser sich total besaufen, is doch schrott !
    naja wers mag !
     
  6. Robman

    Robman
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    Ich mag sie auch nicht, gehe lieber in Clubs / Kneipen
    Wollte dazu nur was sagen, habe gerade keine Zeit mir das komplett durchzulesen.
     
Thema: Wann ist wieder Kirmes? ODER: Typisches Verhalten am Wochenende
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